Gründe für die Einführung der Ganztagesklasse

1.      Individuelle pädagogische Konzeption und Zielsetzung:


In unserem Schulsystem stehen die Regel-Hauptschüler am unteren Ende der Bildungs­skala. Daher steht bei der Ganztagsklasse im Vordergrund das Ziel der verstärkten Bildung der Regel-Hauptschüler, besonders in den Bereichen Sprachkompetenz - auch Fremd­sprache - und Naturwissen­schaf­ten.

Dieses Ziel wird – nach meinem Kenntnistand - in den bestehenden Ganztagsmittelschulen, mit denen Kontakt besteht, wie Kolbermoor, Westerndorf-St. Peter und Eching in erfreu­licher Weise erreicht.

An unserer Schule soll ein individuelles Ganztagskonzept erarbeitet werden, das auf die  Situa­­tion und Bedürfnislage der Schülerinnen und Schüler ausgerichtet ist. (KMS vom 21.05.2002)

Die Zusammensetzung der Schülerschaft der Ganztagsklasse soll die Zusammensetzung der Schülerschaft der gesamten Schule widerspiegeln.


Begonnen werden soll mit einer 7. Klasse, weil an unserer Schule in der 7. Jahrgangsstufe die „Erziehungsbedürftigkeit“ am Größten ist und weil ab der 7. Klasse ein besonderes Konzept der Berufswahlhilfe beginnen soll (siehe Punkt 2.4).

Die Beschulung wird vom Montag bis Donnerstag jeweils von 07.50 Uhr bis 16.00 Uhr erfolgen (= 9 Std. pro Tag) und am Freitag von 07.50 Uhr bis 12.50 Uhr (= 6 Std.), was insgesamt 42 Wochenstunden ergibt. Der Unterricht findet in rhytmisierter Form statt.


2.      Beschreibung des besonderen Bildungsangebotes:

2.1  Steigerung der Sozialkompetenz: Die Verwirklichung ist gegeben durch ein spezielles Sozial- und Kommunikationstraining, wie es an unserer Schule seit 1999 mit dem Konzept der „Sozialwirksamen Schule“ praktiziert wird. (Näheres siehe hier: Unser Schulprofil). Für die Umsetzung dieses Schul­profils wurde unsere Schule im Mai 2003 mit dem 5. Platz beim Mittelschulpreis 2003 der Robert Bosch Stiftung und Hertie Stiftung aus der Hand des Bundespräsidenten geehrt. In vielen Fortbildungsveranstaltungen (und auch mehreren –wochenenden) ist das Kollegium der Schule gut geschult, was Sozial- und Kommunikationstraining anbelangt. Auch wird die AG ISL (= individuelles soziales Lernen) die Sozialkompetenz der Schüler steigern.

2.2  Abbau von Lerndefiziten, besonders im sprachlichen und im naturwissenschaftlichen Bereich  durch eine erhöhte Lernzeit in den Fächern Deutsch, Englisch und Mathematik und durch die AG „Lernen lernen“.

2.3  Förderung von besonderen Begabungen, z. B.

Im handwerklich-praktischen Sinn durch Einbeziehung von Handwerksmeistern: Die Schule kooperiert seit mehreren Jahren bei dem Projekt „Praxis an Mittelschulen“ eng mit einer Schreinermeisterin, die mittlerweile große Erfahrung im Umgang mit Schüler­gruppen besitzt. Sie wird die AG Holz als Honorarkraft leiten.

Im musisch-künstlerischen Sinn durch die Angebote AG Theater und AG Tanz, die orts­ansässige Fachleute auf Honorarbasis leiten.

Im sportlichen Sinn durch ein Angebot im differenzierten Sport, das von Fachlehrern der Schule gehalten werden kann.

2.4 Verbesserte Berufswahlvorbereitung durch: 

         Betriebspraktika ab der 7. Jahrgangsstufe;

         Einführung eines „Patensystems“ für Schüler ab Ende der 7. Jahrgangsstufe:
         Der örtliche Arbeitskreis  Schule/Wirtschaft, dessen Vorsitzender der Schulleiter ist, hat sich in Koope­ration mit BMW München
         (H. Lengl) intensiv mit dem Patenprojekt KOMM ausein­an­der­gesetzt und wird in An­leh­nung an KOMM – in der
         7. Ganztagsklasse ein ähnliches, auf die  Bedürf­nisse dieser Klasse zugeschnittenes Programm anbieten.

3.      Zusammensetzung der Schülerschaft:

Als Beispiel für die Zusammensetzung der Schülerschaft an der Mittelschule Wasserburg seien die derzeitigen 5. Klassen dargestellt:

Von den kanpp hundert Schülern der 4. Grundschulklassen besuchen 42 Schüler (20 Knaben, 22 Mädchen) die beiden 5. Klassen.

Davon sind 19 Schüler deutscher Herkunft, 23 nicht-deutscher Herkunft.

Von den 19 Schülern deutscher Herkunft leben 10 Schüler bei der alleinerziehenden Mutter.

Von den 23 Schülern nicht-deutscher Herkunft leben 5 Schüler bei der alleinerziehenden Mutter.

Es muss berücksichtigt werden, dass von 27 „Zwei-Eltern-Familien“  bei 25 Familien beide Eltern arbeiten, bei 17 Familien beide Eltern ganztägig. Das bedeutet, dass die wenigsten Fünftklasskinder nachmittags unter elterlicher Aufsicht stehen.

Bei den Auswahl- bez. Aufnahmekriterien wird die Zusammenstellung von Herrn IR Karl Füssl vom ISB zugrunde gelegt wobei zu berücksichtigen ist, dass die Schülerschaft der Ganztagsklasse ein Abbild der gesamten Schülerschaft darstellt.

4.  Örtliche Gegebenheiten:

Das Mittelzentrum Wasserburg ist eine traditionelle Schulstadt:

Grundschule am Gries, GTH Reitmehring,

Mittelschule mit derzeit 21 Klassen (12 R-Klassen, 8 M-Klassen, 1 P-Klasse),

Förderzentrum für L-Schüler und G-Schüler (in Attel),

Realschule, Gymnasium, FOS/BOS, Berufsschule, Beamtenfachhochschule.


Betreuungsmöglichkeiten (Hort o. ä.) gibt es ausschließlich für Kinder im Grundschulalter, in Ausnahmefällen werden Kinder der 5. Klasse aufgenommen. Für Hauptschüler gibt es keine Betreuungsmöglichkeit am Nachmittag, auch keine offene G-Schule.

Wohnumfeld:

Eine teilweise enge Siedlungsbauweise mit vielen Sozialwohnungen bewirkt, dass viele sozial schwache Familien in Wasserburg wohnen (siehe „Sozialbericht“ des Landkreises).

Bedingt durch das Aussiedlerwohnheim besuchen viele Aussiedlerkinder unsere Schule.

Seit jeher besuchen ausländische Schüler aus verschiedenen Herkunftsländern unsere Schule.

Die gesunde Wirtschaftsstruktur mit geringer Arbeitslosenquote und günstige Verkehrs­an­bin­dungen fördern den Zuzug nach Wasserburg.

5.      Bildungsnähe bzw. Bildungsferne der Eltern:

In den Regelklassen zeigen Eltern wenig Interesse am schulischen Fortkommen ihrer Kinder.

In den M-Klassen ist das Interesse deutlich höher.

In der P-Klasse sind die Elternkontakte sehr gut, aber nur auf Grund eines gewissen Drucks durch die Sozial­pädagogin und den Klassleiter.

Elternkontakte in den Regelklassen müssen dringend verbessert werden, besonders auch in Hinblick auf die Unterstützung der Jugendlichen bei der Berufswahl. Dies funktioniert in den bestehenden Ganztagsklassen sehr gut, wie aus Gesprächen mit den genannten Ganztags­schulen zu erfahren war.


Die verstärkte Einbeziehung der Eltern soll in der G-Klasse gelingen durch:

  • monatliche Elternabende mit einem Themenschwerpunkt,
  • Sprechzeiten, die sich nach den Möglichkeiten der Eltern richten,
  • ein Angebot der Schule für ein „Erziehungsseminar“.

 Nicht nur der Elternbeirat sondern alle interssierten Eltern waren im Herbst vergangenen Jahres (27.10.05) zu einem Informationsabend mit Herrn Kesy, ehemaligen Leiter der Mittelschule Traunreut, eingeladen. Das Interesse der Eltern war erfreulich groß.   Es sei auch erwähnt, dass Eltern, die nach Wasserburg zuziehen, zunehmend gezielt nach der Ganztagsschule fragen.

 6.      Soziale und familiäre Gegenbenheiten:

 Unsere Schüler kommen zu einem großen Teil aus sozial benachteiligten Familien. Viele früher selbstverständliche außerschulische Aktivitäten, wie Schulschikurse, Theaterfahrten o. ä. können aus finanziellen Gründen seit mehreren Jahren nicht mehr angeboten werden. Die Zahl der Eltern, die sich mehrtägige Klassenfahrten nicht leisten können, steigt kontinuierlich.

Die Zahl der Eltern, die wegen persönlicher Überforderung die Erziehungsaufgabe nicht wahrnehmen, nimmt beständig zu: deutliche Zunahme bei Erziehungsbeistandschaften, sprunghafte Zunahme an Beratungen zu Erziehungsfragen in der Schule.

Offensichtlich kranke Schüler werden in die Schule geschickt, weil zu Hause sich niemand um sie kümmern kann.

Die Zahl der Alleinerziehenden nimmt in Wasserburg ständig zu, intakte Familien sind die Ausnahme.

Eltern kommen immer seltener als Partner in der Erziehung in Frage.

Die Einrichtung von Ganztagsklassen an der Mittelschule Wasserburg würde viele Familien deutlich entlasten, sie von dem großen Alltagsdruck bezüglich schulischer Probleme befreien und somit ihre Erziehungskompetenz wieder stärken.

7.      Personelle und räumliche Situation an der Schule selbst:

An der HS Wasserburg gibt es seit 1996 M-Klassen (früher F 10), seit  2000 eine Praxis­klasse mit sozialpädagogischer Betreuung. Seit 1999 ist das Schulentwicklungkonzept „Sozial­­wirk­same Schule/ Soziales Lernen“ etabliert. Das Lehrerkollegium ist innovations­freudig und fortbil­dungs­­willig.

Derzeit stehen für die 21 Klassen 16 Klassräume zur Verfügung, 5 Klassen sind in Fach- und Gruppenräumen untergebracht. Durch die geplante Umgestaltung der Bereiche Verwaltung/ Lehr­kräfte werden zwei Klasszimmer frei, die jetzt noch als Lehrerzimmer und Lehrmittel­zimmer genützt werden. Durch allgemeinen Schülerrückgang und durch „Auslagerung“ von M-Klassen sinkt die Klassenzahl.

Es stehen ab 06/07 ausreichend Räume auch für Ganztagesklassen zur Verfügung, ebenso ein Essensraum mit Versorgungsküche.

 

8.      Entwicklung der Schülerzahlen:

  Die Klassenzahl an der Mittelschule Wasserburg wird sich in den nächsten Jahren zwischen 18 und 20 bewegen: - etwa 6 M-Klassen, - 1 P-Klasse, - 11 bis 13 Regelklassen. Somit ist im Regelbereich in allen Jahrgangsstufen auf Dauer mindestens die Zweizügigkeit gesichert, wodurch ein Zustandekommen von Ganztagsklassen in allen Jahrgangsstufen gewährleistet ist.

 

9.      Schlussbemerkung:

 In dem großen Landkreis Rosenheim ist die Einführung eines weiteren Ganztagsklassen­standortes im Norden des Landkreises, also im Einzugsbereich der Stadt Wasserburg, nicht nur aus geographischer Sicht notwendig, sondern vor allem aus sozialer Sicht:

Die Förderung der begabten und leistungsstarken Schüler findet im Raum Wasserburg in vor­bildlicher Weise statt, ebenso die besondere Förderung auffallend schwacher und benachteiligter Schüler. Dabei fallen die Regelschüler „durch das Netz“, da in diesen Klassen durch die zunehmende Auslese kaum mehr Leistungsheterogenität besteht, somit kaum mehr leistungs­fähige und leistungsbereite Schüler zu finden sind.

Das Konzept der rhythmisierten Ganztagesschule ist auf die Bedürfnisse der Regelschüler zu­geschnitten, fördert sie in besonderer Weise, verhilft ihnen zu besseren Abschlüssen und erhöht somit die Chancen beim Eintritt ins Berufsleben. Also: „Bildung als Eintritt in die Gesellschaft“.

Somit bedeutet die Einführung der Ganztagsschule in Wasserburg ein Stück mehr an Chancengleichheit und somit an sozialer Gerechtigkeit für die Hauptschüler dieser Region.